Ich vermiss dich so sehr

Hallo Papa,

heute vor 7 Jahren saßen wir zu dritt im Krankenhaus an Deinem Bett und wußten, was unausweichlich war. Unser Verstand sagte es uns, aber unsere Herzen wollten es nicht, nicht wissen und nicht akzeptieren. Wir saßen bei Dir, schauten Dich an, horchten auf deine Atemzüge. Obwohl du keine Schmerzen leiden musstest aufgrund der Medikamente und des Komas in das Du am Nachmittag geglitten warst, konnte man doch merken, wie schwer es für dich war.

Die Schwester schaute immer wieder bei uns vorbei, versorgte uns mit Essen und Trinken, und als es immer später wurde, bot sie Mama an, ein Bett in das Zimmer zu schieben, damit sie die ganze Nacht bei dir sein kann. Ich bin mir ganz sicher daß diese liebe Krankenschwester (die übrigens den gleichen, eigentlich eher selteneren Nachnamen trug wie du, Mama und ich 21 Jahre lang) wusste warum. Krankenschwester sehen wenn jemand gehen muss, die Angehörigen dagegen wollen es einfach nicht sehen oder wahrhaben.

Ich hatte eigentlich vor, die ganze Nacht ebenfalls dort zu bleiben, aber gegen Mitternacht liess ich mich dann doch von meiner Mum und der Krankenschwester dazu überreden, heim zu fahren. Sie meinte zu mir, daß ich die nächsten Tage noch sehr viel Kraft brauchen würde und versprach mir, wenn es zuende geht, mich sofort anzurufen und bei meiner Mutter zu bleiben bis ich da bin. Und sie hat es wirklich getan.

Ich fuhr, ich schlief auch irgendwann ein, mit dem Telefon neben mir. Um 4.44 Uhr klingelte es. Anziehen, Taxi rufen, hinfahren, das alles passierte innerhalb gut einer Viertelstunde, aber ich war zu spät. Minuten nur, aber zu spät.
Wir blieben noch fast anderthalb Stunden bei dir, Papa. Mama, Jürgen und ich. Wir sprachen mit dir, hielten dich fest und nahmen dann Abschied von dir, zum allerletzten Mal.

Jedes Jahr erlebe ich, erleben wir diesen Tag wieder, Stunde für Stunde. Morgen, an deinem Todestag, werde ich zu Mama fahren, mit ihr in Erinnerungen wühlen, mit ihr weinen, dich auf dem Friedhof besuchen. Es tut so unendlich weh, jedes Jahr mehr. Und ich bin so dankbar daß ich Mama noch habe und hoffe und bete, daß es noch einige Zeit so bleiben wird.

Letztes Jahr hab ich mich abends im Dunklen ans Fenster gestellt und hochgeschaut in der Hoffnung daß du mich vielleicht siehst. Auch heute abend werde ich das tun, zu dir hochschauen, winken und dir einen Kuss hochschicken. Ich weiß du wirst das spüren.

In unendlicher Liebe
Deine Tochter

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6 Kommentare zu „Ich vermiss dich so sehr

  1. Das hast Du so gut beschrieben daß mir doch eben recht schnell die Tränen hochgekommen sind…….und grade muß ich an meinen Dad denken,der weit weg irgendwo in Bayern lebt seit vielen Jahren und es zur Zeit mal wieder absolut kein Kontakt gibt,weil er sich mal wieder entfernt hat………ich hoffe nur es geht ihm gut………

    Und wenn es Dir hilft und Du es zulassen magst,fühl Dich gedrückt von mir…….Elke

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  2. Ähnliches mussten wir mit meinem Bruder erleben.
    Er kam nicht mehr zu Bewußtsein, atmete aber noch. Dann machte es piiiiiiiiiiiep, doch dei Atmung ging maschinenmäßig weiter. Das war echt doof.
    Dies war für mich der erste Todesfall, bei dem ich richtig dabei war.
    Meine Eltern, meine Schwester habe ich immer erst nachher sehen können.
    Und unseren totgeborenen Sohn haben sie mir gar nicht gezeigt. Das ist sehr schade. Doch damals war das so überraschend für mich, dass ich nicht protestiert hatte.
    Im nachhinein hatte ich dann meine Schwierigkeiten. Die Träume gingen immer auf meine gesunde Tochter. Das war hart.
    Ich verstehe ich sehr gut, dass du dir alles wieder vorstellst, nachempfindest. Das ist auch gut so. Nur so kannst du nach und nach Abschied nehmen.
    Vergessen wirst du deinen Vater nie, immer wieder liebevoll an ihn denken. Das tut so gut.
    Dir alles Liebe
    minibar

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  3. Das hast du sehr berührend geschrieben und erinnert mich an die letzten Stunden meines Vaters vor elf Jahren. Wir mussten gehen, denn es gab keine Möglichkeit, über Nacht zu bleiben. Er teilte das Zimmer mit einem anderen Sterbenden. Nach der letzten Morphiumspritze gegen 22 Uhr habe ich meine Mutter nach Hause gebracht und bin dann selbst nach Hause gefahren. Dreieinhalb Stunden später starb mein Vater.

    Ich hoffe, seine letzten Stunden sind so ruhig geblieben, wie der Moment, in dem wir uns endgültig von ihm verabschiedet haben.

    Mit stillen Grüßen
    Anna-Lena

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